Rezensionen
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Kurd Laßwitz (1871 -1890) - der Erfinder der modernen Science Fiction?
Mit seinen frühen modernen SF-Erzählungen Bis zum Nullpunkt des Seins (1871) und Gegen das Weltgesetz (1877) ist Kurd Laßwitz neben Jules Verne mit seinen ersten SF- Romanen Paris im 20. Jahrhundert (1863), Von der Erde zum Mond (1865) und 20.000 Meilen unter dem Meer (1869) ca. 20 Jahre vor H.G. Wells der Begründer der modernen Science Fiction d.h. einer Science Fiction, wie wir sie heute im 21. Jahrhundert allgemein verstehen. Durch seine SF-Novellensammlungen Bilder aus der Zukunft (1878) und Seifenblasen (1890) ist Kurd Laßwitz jedoch der Erste, der die moderne Science Fiction in die Kurzprosa eingeführt hat.
Laßwitz` Blumengeschichten (1884 - 1910) – eine Entwicklung
Pflanzen hatten es Laßwitz schon früh in seinem schwachen Roman Schlangenmoos aus dem Jahr 1884 angetan, wo die gleichnamige Pflanze allerdings nur als unbeseeltes Lebewesen den Rahmen für eine Botaniker- Liebesgeschichte gibt. Erst 30 Jahre später können die lieblichen Veilchen in Die Unbeseelten (1908) schon untereinander kommunizieren und haben eine Pflanzenseele. Und im Jahr darauf erschienenen herausragenden Roman Sternentau (1909) kommuniziert ein kompletter deutscher Wald interaktiv und die Pflanze von der Venus produziert im Generationswechsel menschenähnliche, fast unsichtbare Wesen, die sich mit Pflanzen und Menschen unterhalten können. Allerdings kommt es hier noch nicht zu einer Koexistenz. Dies geschieht erst in seiner wunderschönen letzten Erzählung Die entflohene Blume (1910), wo Pflanzen auf dem Mars als eine Art Haustiere gehalten werden und eine Marspflanze einem Geschwisterpaar sogar das Leben rettet. Ein eindringliches und auch sehr modernes Plädoyer für den Arten- und Biotopschutz.
Hebe (ca.1871) - eine ergreifende Antikriegsnovelle
Auf nur 4 Seiten hat Laßwitz eine ergreifende Anklage gegen die Barbarei des Krieges als Zerstörer allen Schönen und allen persönlichen Glückes geschaffen, die im Siegestaumel von 1871 und der Freude über ein vereintes Deutschland wohl keinen Verleger gefunden hat und von Laßwitz vermutlich auch keinem angeboten wurde.
Aufgrund des Vormarsches der deutschen Truppen muss eine französiche Familie ihr Landhaus verlassen, das von französischen Räubern geplündert und von den deutschen Besatzern verwüstet wird. Allein die steinerne Skulptur der griechischen Göttin der ewigen Jugend und der Mundschenkin der Götter Hebe überlebt das Kriegsende unversehrt bis zum Vorabend des Abmarsches der deutschen Truppen. Doch dann werfen die Soldaten zum Spaß mit Steinen auf sie, wobei sie enthauptet wird. Die französische Famile kehrt in ihr zerstörtes Heim zurück und mit ihr die Tochter des Hauses, die um ihren Verlobten weint, der durch einen Granatsplitter getötet worden ist.
Auf nur wenigen Seiten hat Laßwitz in diesem novellistischen Kleinod die gesamte Tragik des Krieges für die Zivilbevölkerung in einer auch heute leider immer noch aktuellen Botschaft zusammengefasst: Nie wieder Krieg!
Apoikis (1882)
nach Bilder aus der Zukunft Laßwitz dritte Zukunftsnovelle, ist eine geniale auch heute noch mit Genuss und Gewinn zu lesende utopische Skizze, die als literarisches Bindeglied zwischen Die Insel Felsenburg (1743) von Johann Gottfried Schnabel und H.G. Wells` Menschen, Göttern gleich (1923) aufgefasst werden kann. Auch Parallelen zu Auf zwei Planeten (1897) lassen sich feststellen.
Die Apoikier, die als griechische Auswanderer 399 v. C. eine Kolonie auf einer unbekannten Südseeinsel als „Pflanzstätte eines neuen Menschentums“ gegründet haben, beherrschen die Telepathie, üben Geburtenkontrolle, haben die psychoenergetische Macht, den Willen von Nichtapoikiern zu beeinflussen und schützen ihre Insel mittels eines energetischen Schutzschildes, in dem jede Granate neutralisiert wird. Erfindungen, wie der Anthydors, einem Schuhpaar, mit dem man über Wasser gehen kann, oder das Diapetton, einer Flüssigkeit, die zur Garmachung von Nahrungsmitteln dient, erleichtern das tägliche Leben der Apoikier, die so weit in der „Kultur des Bewusstseins“ fortgeschritten sind, „daß jeder den Gesamt-Zusammenhang und sich selbst begreift, daß Pflicht und Wunsch in des Apoikiers Seele nicht mehr getrennt bestehen.“
Für die auf die Insel verschlagenen, barbarischen Europäer, die sich in dem ihnen zur Verfügung gestellten Haus genauso wie die Affen in einem Zookäfig aufführen, ist deshalb kein Platz in Apoikis.
Man beachte auch die umfangreiche Analyse dieses SF- Kleinods von Rudi Schweikert (1985): Am Anfang war der Höhepunkt.- In: Polaris 8: 171 - 201
Der gefangene Blitz (1902)
In dieser, den meisten SF- Interessierten wohl unbekannten Science Fiction Erzählung verbindet Laßwitz sein „Modernes Märchen“ mit der Zukunftsnovelle. Sie ist auch deshalb von Interesse, weil sie für Hans Dominik als der Prototyp für seine Technischen Märchen (1902- 1904) angesehen werden kann. Ein personifizierter Blitz philosophiert mit Uhr und Glühlampe über Freiheit und Arbeit. Mutter Erde warnt den Blitz, nicht Menschenwerk zu stören, damit er nicht für die Menschen Knechtesarbeit leisten müsse. Doch als der Blitz wie gewohnt „Wagen und Menschen zu zerschmettern“ versucht, wird er in einem neuartigen Schienenfahrzeug gefangen und über einen Draht ins Elektrizitätswerk geleitet und muss nun elektrische Arbeit für den Menschen verrichten.
Lasswitz beschreibt hier einen seit der Industriealisierung stets gehegten Menschheitstraum, die Nutzbarmachung der Energie aus Blitzen, über den Hans Dominik später seinen spannenden Roman Himmelskraft (1937) geschrieben hat.
Literaturtipps
1. Die bislang wichtigste Laßwitz- Ausgabe ist die Jubiläumsedition von Auf zwei Planeten bei Heyne 1998, wunderschön und üppig illustriert und mit umfangreichem Sekundärmaterial zu Leben und Werk von Rudi Schweikert.
2. Ein Muss für jeden an der klassischen deutschen SF Interessierten ist die wunderschön gestaltete und dafür sogar äußerst preisgünstige Kurd Laßwitz Kollektion bei www.dieter-von-reeken.de
3. Weitere klassische deutsche Science Fiction gibt es bei www.synergenverlag.de